Mittelerde: Mordors Schatten

Kennt noch jemand das Studio Monolith Productions? Ich zumindest kann mich noch gut an F.E.A.R. und Condemned: Criminal Origins (beide 2005) erinnern; vor allem das exzellente F.E.A.R. machte das Studio erst richtig bekannt. Später erschien noch je ein Nachfolger zu beiden Spielen, danach hörte man aber nicht mehr viel von Monolith. Das ändert sich nun mit Mittelerde: Mordors Schatten, einem Open World-Spiel mit Herr der Ringe-Lizenz. Doch konnte aus der Lizenz etwas Ordentliches gemacht werden?

Game Info

NAME: Mittelerde: Mordors Schatten

ENTWICKLER: Monolith

PUBLISHER: Warner Bros. Games

PLATTFORM: PS4, Xbox One und weitere Systeme

GENRE: Action

ERSCHEINUNGSDATUM: 02.10.2014

 Sauron lässt die Sau raus

 Mordors Schatten spielt zeitlich zwischen Der Hobbit und Der Herr der Ringe. Sauron ist gerade dabei, Mordor für sich zu erobern und in Dunkelheit zu stürzen – Mordor ist also noch nicht komplett verwüstet, wie es später in Der Herr der Ringe sein wird. Ihr seid der Waldläufer Talion aus Gondor, der eigentlich in einer Schlacht gegen Saurons Schergen getötet wird, dann aber von einem Rachegeist wiederbelebt wird, damit beide sich am gemeinsamen Feind Sauron rächen können. Klingt etwas wirr, ist aber so. Allgemein ist die Story auch nicht die Stärke des Spiels. Vielmehr dient sie dazu, euch Gründe zum Töten von Orks aller Art (im Spiel meist Uruks genannt) zu liefern. Der allseits beliebte Gollum hat einige unterhaltsame Auftritte, in denen er den Hauptcharakteren gleich mal die Show stiehlt. Und das zeigt schon, dass Talion nicht unbedingt die interessanteste Persönlichkeit hat. Das ist aber nicht weiter schlimm, denn…

 Gameplay steht im Vordergrund

Map und Gameplay aus Assassin’s Creed + Kampfsystem aus der Batman Arkham-Serie + Herr der Ringe-Universum = Mittelerde: Mordors Schatten. Doch in diesem Fall ist das kein großer Minuspunkt, denn die erwähnten Elemente wurden nahezu perfekt zusammengefügt. Warum neu erfinden, wenn es auch mit bewährten Konzepten geht? Der Vorteil davon ist, dass der Einstieg ins Spiel sehr leicht fällt. Noch positiver ist, dass das Gameplay sogar noch besser als das der Assassin’s Creed-Serie ist. Eine Open World mit unterteilten Gebieten und vielen Nebenquests, Klettereinlagen auf hohe Positionen und Sprünge in die Tiefe (es gibt keinen Fallschaden), etwas Parkour, Schleichen und Meucheln, einem eingängigen aber nicht zu leichten Kampfsystem mit brutalen Finishern und Quicktime Events, und einem interessanten Skilltree. Man kann sogar wilde Bestien, die Caragors, bändigen und dann reiten. Eine Art Bullet Time gibt’s auch: Immer wenn man den Bogen herausholt, wird die Zeit verlangsamt. Gut, Monolith bediente sich wohl an noch mehr Spielen als die oben erwähnten. Aber es funktioniert und unterhält. Die Kämpfe sind super choreografiert, obwohl man meist nur wenige Tasten drücken muss, und sämtliche Animationen gehen gut ineinander über. Das ist sehr wichtig für diese Art von Spiel, da ihr die allermeiste Zeit mit Kämpfen verbringen werdet.

mordors_schatten_2

 Gar nicht so dumme Uruks

Eine Innovation gibt es aber doch, nämlich das sogenannte Nemesis-System. Außer den Standard-Uruks bzw. Grunts gibt es noch höherrangige Uruks in Saurons Armee wie die Captains und schließlich die Warchiefs. Warchiefs sind die stärksten Uruks im Spiel, und vor allem diese gilt es zu töten. Die Zahl an Captains und Warchiefs ist stets begrenzt, diese können im Nemesis-Menü jederzeit betrachtet werden. Jeder von ihnen hat einen zufallsgenerierten Namen, ein zufallsgeneriertes Aussehen und ebenso zufällige Stärken und Schwächen. Diese kann man wiederum herausfinden, indem man einen der auf der Map markierten Uruks nach Informationen ausquetscht. So kann ein Uruk z.B. die Schwäche haben, besonders verwundbar gegen Pfeile zu sein. Dieser kann dann mit einem einzigen Kopfschuss erledigt werden. Tötet ihr einen Captain, wird dieser irgendwann durch einen anderen ersetzt. Das funktioniert, indem niedere Uruks durch besondere Taten zu höheren Rängen befördert werden. Solch eine besondere Tat wäre z.B. eure Tötung. Schafft es ein einfacher Uruk, euch den Todesstoß zu geben, wird dieser sofort befördert. Und das passiert öfter als man denkt. Der Tod der Spielfigur wird in Mordors Schatten aber nicht als Versagen gewertet wie in den meisten anderen Spielen, stattdessen verändert der eigene Tod das Machtgefüge genauso wie der Tod eines hochrangigen Uruks. Dann kommt eure „Auferstehung“ und es geht weiter.
Es wird aber noch komplexer: Hat euch ein Uruk früher getötet, merkt er sich das. Begegnet ihr ihm wieder, kommentiert er das mit einem verhöhnenden Spruch, bevor der Kampf losgeht. Überhaupt wird das Aufeinandertreffen auf einen höheren Uruk immer mit einer netten, kleinen Zwischensequenz eingeleitet, in der der Uruk z.B. über euch lästert. Habt ihr ihn früher schon bekämpft und musstet aber fliehen, hat er noch die Narben des früheren Kampfes im Gesicht und ist entsprechend wütend auf euch. Ist er damals geflohen, kommt wieder ein anderer Kommentar. Doch ein toter Uruk ist nicht gleich ein toter Uruk. Wenn ihr einem Captain im Kampf nicht explizit den Kopf abschlagt, sondern ihn z.B. nur mit eurem Dolch von hinten meuchelt, wird er zwar vorerst als tot angezeigt, kann sich aber später von seinen Wunden erholen und zurückkehren. Und er wird sich zweifelsohne an euch rächen wollen.
Noch nicht komplex genug? Uruks können untereinander Machtkämpfe haben und sich gegenseitig in den Rücken fallen. Ihr könnt das ausnutzen, indem ihr den Bodyguard eines Warchiefs dazu bringt, seinen Boss zu verraten. Unterliegt der alte Warchief im Kampf, ersetzt ihn der frühere Bodyguard. Rivalisierende Uruks duellieren sich manchmal auf Leben und Tod. Ihr könnt den Kampf einfach beobachten und nichts tun, dann gewinnt der Sieger an Stärke. Oder aber ihr wartet, bis einer der beiden tot ist und habt dann ein leichtes Spiel mit dem geschwächten Sieger des Duells. Solche und andere Machtkämpfe finden ständig statt und werden auf der Map angezeigt.

Tote Captains und Warchiefs lassen immer Runen übrig, die ihr dann in eure Waffen einsetzen könnt. Diese geben euch allgemeine oder Skill-spezifische Boni, durch die ihr z.B. mehr Schaden macht oder Leben regenerieren könnt. Ob ihr eine Rune für euer Schwert, euren Bogen oder euren Dolch erhaltet, hängt davon ab, mit welcher Waffe ihr den Uruk getötet habt. Stärkere Uruks können sogar epische Runen übriglassen. Andere Waffen findet ihr aber nicht.

 Technik

Die Grafik auf der PS4 ist zum größten Teil sehr gut, von einigen schlechter aufgelösten Texturen abgesehen. Es gibt eine schöne Weitsicht, viele Details und nette ingame-Zwischensequenzen. Ab und zu wird man auch mit vorgerenderten Sequenzen belohnt, die richtig gut gemacht sind und aus einem Herr der Ringe-Film stammen könnten. Die fließenden Tag- und Nachtwechsel und die lebendige Welt runden das Ganze ab. Mordor besteht übrigens nicht nur aus dem anfänglichen Grau in Grau. Ihr werdet später noch in ein anderes Areal gelangen, das voller Leben ist. Mehr wird nicht verraten.
Die Synchronsprecher sind zumindest in der getesteten englischen Version sehr gut. Gollum wurde zwar nicht vom Originalsprecher aus den Filmen synchronisiert, negativ fällt das aber nicht auf. Die Musik ist eher dezent und bleibt im Hintergrund, an den fantastischen Soundtrack der Herr der Ringe-Filme kommt diese leider bei weitem nicht ran.

mordors_schatten_1

 Fazit

Mittelerde: Mordors Schatten ist ein sehr unterhaltsames Spiel, obwohl oder gerade weil es sich strikt an die Normen des Open World-Genres hält. Man kennt alles schon von irgendwoher und kann sofort ins Spiel starten – und trotzdem kommt einem nichts altbacken oder abgedroschen vor, das ist schon eine Kunst für sich. Mich z.B. kann die Assassin’s Creed-Serie nach all den Ablegern schon nicht mehr begeistern, dafür hatte ich umso mehr Spaß am eigentlich sehr ähnlichen Mordors Schatten. Vielleicht liegt es einfach am völlig anderen Setting oder an der sehr erwachsenen Präsentation. Das Nemesis-System mit den unzähligen Kombinationsmöglichkeiten für hochrangige Uruks ist außerdem sehr gut gelungen. Wenn ihr gerade in einen Kampf mit einem Warchief verwickelt seid, feuern ihn seine Untergebenen sogar mit seinem Namen an, was für richtig coole Atmosphäre sorgt. Das Kämpfen wird durch die vielen unterschiedlichen Moves nie langweilig und ihr merkt deutlich, wie ihr im Laufe der ca. 30 Spielstunden immer stärker werdet. Für Motivation ist also gesorgt. Nur etwas mehr Innovationen hätten schon sein dürfen. Per Patch wurde übrigens kürzlich noch ein Foto-Modus für die Konsolen nachgereicht.

(c) M4RKM4N

 

85 Wertung
Gameplay: 10/10
Grafik: 8/10
Sound: 7/10
Steuerung: 9/10

spannende Kämpfe | innovatives Nemesis-System | viele coole Fähigkeiten | tolle Animationen | gute Gegner-KI | Herr der Ringe-Flair | Gollum-Bonus

Hauptfigur Talion charakterlich zu passiv | Schwächen in der Story | vieles von anderen Spielen abgekupfert | einige unnütze Fähigkeiten | viel Potential bei Musikuntermalung verschenkt


DEINE SPIELBEWERTUNG


  • Fatal error: Call to undefined function PostRatings() in /www/htdocs/w012ad2c/html/wp-content/themes/egdarkness/single-reviews.php on line 88