Dragon Age: Inquisition

Mehr als drei Jahre mussten Fans von Dragon Age auf den dritten Teil der Serie warten. Nachdem Dragon Age II die meisten alteingesessenen Spieler enttäuscht hatte, war die Hoffnung in Dragon Age: Inquisition entsprechend groß. Und tatsächlich schien der neueste Teil die Erwartungen erfüllt zu haben, denn die Redakteure sämtlicher Gaming-Publikationen waren in ihren Vorab-Reviews ganz aus dem Häuschen: „Das beste Dragon Age aller Zeiten“. Doch stimmt das so wirklich?

Unglaubwürdig

Man kann, wie schon in den ersten beiden Dragon Age-Teilen, einen adligen Menschen spielen, einen Dalish-Elfen oder einen Oberflächenzwerg. Die einzige Neuerung bietet der abtrünnige Qunari, der sich aber genauso spielt wie ein Mensch. Bis auf ein paar Abweichungen in Dialogen oder schnippischen Bemerkungen von NPCs gibt es zwischen den einzelnen Klassen kaum einen Unterschied.

Bereits im Prolog steigt man binnen fünf Minuten vom Gefangenen, der so schnell wie möglich gehängt werden soll, zum erlösenden Heiland auf. Ist schon klar, dass wir irgendwann im Verlauf des Spiels zum „Helden“ werden müssen, aber etwas mehr Tiefe wäre ganz schön gewesen. Gerade wenn man keinen menschlichen Charakter spielt, macht es umso weniger Sinn, nach so kurzer Zeit die ganze Verantwortung übergeben zu bekommen. Die Persönlichkeitsentwicklung, die man in den vorherigen Dragon Age-Titeln oder auch bei der Mass Effect-Serie beobachten konnte, wird einem so völlig genommen. Musste man sich zuvor alles erarbeiten, wird einem in Inquisition von Anfang an alles auf einem Silbertablett serviert.

Eine tragische Düsterheit wie in Dragon Age: Origins fehlt komplett. Der Fokus liegt stark auf politischen und religiösen Themen – für ein Fantasy-RPG finde ich das zu realistisch konstruiert. Der Versuch, reale Themen mit Fantasy zu kombinieren, wirkt eher wie ein nicht ganz gelungener Game of Thrones-Abklatsch.

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Abwechslungsreiche Gefährten

Die Gefährten sind, wie in allen Bioware-Titeln, wieder gut gelungen. Vielschichtige, abwechslungsreiche Charaktere mit gut gemachten Dialogen. Vom schwulen Magier aus Tevinter mit bissigen, sarkastischen Bemerkungen bis hin zum geheimnisvollen, ernsten Elfen ist wieder für jeden etwas dabei. Kenner der Bioware-Titel werden sich mit dem für Bioware typischen Konversationsrad gut zurechtfinden. Je nach Vorlieben, politischen Ansichten oder bevorzugten Herangehensweisen kann man mit der richtigen Antwort wieder ordentlich Pluspunkte sammeln und auf eine mögliche Romanze hinarbeiten. Man kann jedoch auch etwas Falsches sagen oder eine falsche Entscheidung treffen, die gewisse Gefährten zum Verlassen der Inquisition veranlasst.

Verwirrend für Neueinsteiger

Als Kenner der früheren Dragon Age-Teile findet man sich schnell im Spiel zurecht und hat kein Problem, den Dialogen über Andraste, Erzdämonen, Grauen Wächtern usw. zu folgen. Aber als Neueinsteiger hat man es um einiges schwerer, die komplexe Spielwelt zu begreifen. Wie auch bei The Witcher 2 macht man es Neueinsteigern nicht gerade einfach. Ein paar einführende, erklärende Codexseiten über vorangegangene Ereignisse oder Personen wären zu Beginn des Spiels nicht schlecht gewesen. Bekommt man endlich eine Antwort auf eine Frage, wirft die Antwort schon wieder fünf neue Fragen auf. Warum leuchtet meine Hand grün? Wer ist Corypheus? Was ist „The Fade“? Für Fans der Reihe werden viele offene Fragen aber endlich beantwortet und Handlungsbögen zu Ende geführt. Leider fehlen trotzdem solche „Wow-Momente“ wie wir sie aus der Mass Effect-Serie oder Dragon Age: Origins kennen. Diese 180-Grad-Wendungen, die plötzlich alles in ein anderes Licht rücken und einen sprachlos vor der Konsole oder dem PC zurücklassen.

Kämpfe und KI

Man reist wieder mit einer Vierer-Gruppe durch die Gegend. Um auf den härteren Schwierigkeitsstufen bestehen zu können, sollte die Gruppe halbwegs ausgewogen sein und es sollte von jeder Klasse zumindest ein Vertreter anwesend sein.

Die Skilltrees sind ähnlich wie in Dragon Age II. Jede Klasse hat wieder zahlreiche Unterklassen. So könnt ihr euren Inquisitor z.B. zum Feuermagier machen, euren Gefährten aber eher auf Eis oder Donner skillen. Genau so funktioniert es auch bei den anderen Klassen. Sollte man sich verskillt haben, oder kommt im Laufe des Spiels doch darauf, eher etwas anderes spielen zu wollen, so kann man seine Skills innerhalb der Klasse zurücksetzen.

Was die Klasse Magier leider etwas vermiest, ist der komplette Verzicht auf einen Heilzauber. Konnte man in den anderen Teilen sich selbst oder zumindest einen Gefährten als Heiler ausbilden, so muss man in diesem Teil auf eine begrenzte Zahl Heiltränke (Anfangs acht Stück) zurückgreifen. Diese kann man auch nur wiederauffüllen, wenn man sich in sein zuvor aufgestelltes Lager begibt oder eine Lagerkiste in der Spielwelt findet, die jedoch nach einmaligem Anklicken leer ist und kein zweites Mal benutzt werden kann. Gerade bei schwierigen Bosskämpfen führen die niedrige Anzahl an Heiltränken und das Fehlen der Heilzauber zu Frust. Ähnlich wie in den Mass Effect-Titeln gibt es zwar den Zauber „Barriere“, der einem zumindest einen kleinen Schutz vor Schaden bietet, aber auch nur so viel Schaden aushält, bevor er zusammenbricht. Warum man völlig auf den Heilzauber oder zumindest auf eine unbegrenzte Anzahl an Heiltränken im Inventar verzichtet hat, geht einem nicht wirklich ein.

Die in Echtzeit ablaufenden Kämpfe können jederzeit pausiert werden, zwingen den Spieler jedoch nicht dazu, zumindest nicht auf normalem Schwierigkeitsgrad. Als Verfechter der klassischen 3rd-Person-Rollenspielansicht kann ich diesem pausierten Taktikmodus aus der Vogelperspektive leider wenig abgewinnen. Zu stark erinnert mich dieser Modus an Strategiespiele à la Total War. Konnte man zwar schon in Dragon Age: Origins auf diesen taktischen Modus ausweichen, so wirkt er in diesem Teil leider stark mühselig und „nicht flüssig“. Er erschwert einem den Kampf eher als dass er ihn erleichtert. Aber Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. So oder so, die Kämpfe sind wie in Dragon Age II sehr effektreich und gut animiert. Spezialattacken wie die Feuerwand des Magiers oder die Charge-Attacke des Kriegers sehen besonders dynamisch und schön aus.

Ein großer Minuspunkt bei Kämpfen ist die fehlende Funktion des automatischen Angriffs bzw. Auto-Attack. So muss man ständig die Schultertaste drücken, was auf Dauer echt nervig ist. So bleibt einem bei Kämpfen nicht wirklich viel Zeit für taktische Überlegungen, weil man viel zu beschäftigt ist, die ganze Zeit die Angriffstaste nicht loszulassen. In Dragon Age: Origins ging es doch auch, warum also nicht in diesem Teil? Ab und zu sollte man vielleicht doch bei Altvertrautem bleiben, das funktioniert hat.

Auch die KI von Gefährten lässt manchmal zu wünschen übrig und geht auf Dauer ziemlich auf die Nerven. Sollte man im Taktikmenü zwar rein theoretisch einstellen können, wann jemand einen Heiltrank nehmen sollte, so versagt das in der Praxis des Öfteren. Da hat man für einen Moment nur auf seinen Charakter geschaut und Schwupps, liegt schon der Gefährte tot auf dem Boden. Auch die Funktion „Verteidigen“, bei der ein Gefährte einen anderen Gefährten oder den Inquisitor bei einem Angriff schützen soll, funktioniert nur so halb. Wird der Inquisitor nämlich nicht angegriffen, seht der verteidigende Gefährte nur blöd in der Gegend herum, statt dass er in der Zwischenzeit Gegner attackiert.

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Große Spielwelt

Punkten kann Inquisition jedoch bei der weitläufigen Spielwelt. An Titel wie Skyrim oder Fallout kommt es natürlich nicht ansatzweise heran, aber für einen Bioware-Titel ist das, was es bietet, schon ziemlich ordentlich. Von verträumten, schönen Waldlandschaften zu felsigen, verregneten Küstenregionen und düsteren Sumpflandschaften ist alles dabei. Diese Regionen kann man über eine taktische Karte in der Burg der Inquisition freischalten und danach besuchen. „Open World“ würde ich es jedoch nicht nennen, da die Welten zwar um ein vielfaches größer sind als in den anderen Titeln, jedoch auch nicht so frei bereisbar sind wie z.B. in Skyrim.

Größere Spielwelten bedeuten auch längere Fußmärsche. Um nicht völlig frustriert von A nach B zu laufen, gibt es in Dragon Age ab sofort Reittiere. Aber auch Schnellreisepunkte und zuvor aufgestellte Lager bieten die Möglichkeit, sich schneller im Gebiet zu bewegen. Zu oft sollte man sich jedoch nicht von einem Punkt zum nächsten versetzen lassen, da einem sonst die ganzen versteckten Truhen und Ressourcen entgehen, die man für Tränke, Rüstungsverbesserungen oder Waffen benötigt.

Beim Erkunden der Gebiete wird einem schnell klar, dass es nur so vor Nebenaufträgen strotzt. Leider sind diese dermaßen langweilig gestaltet, dass man sie nach einer gewissen Spielzeit schon gar nicht mehr annehmen möchte. Dieses Schema „Bringe X zu Y“, „Töte 100 XY“ oder „Schließe das tausendste Rift“ erinnert sehr stark an bekannte Online-Rollenspiele, wobei solche Mission auch schon dort immens genervt haben. Diese belanglosen Aufträge bringen zwar Erfahrungspunkte, aber gerade von Bioware ist man spannendere Nebenmissionen gewohnt. Schade, hier wurde viel Potenzial verschenkt.

Ähnlich wie das Camp in Dragon Age: Origins oder die Normandy in den Mass Effect-Spielen gibt es hier eine Festung namens Skyhold. Hier werden taktische Schritte besprochen, Ressourcen aufgefüllt, Verbesserungen angebracht oder einfach nur mit den Gefährten gequatscht. Auch die Feste an sich kann leicht verändert werden. So können unter anderem der Thron, die Flaggen und andere optischen Belange gewechselt werden. Nette Idee, wenn man auf so etwas steht. Aber mehr heißt nicht unbedingt besser. Oft wünscht man sich das kleine, übersichtliche Camp aus Origins zurück, denn ständig in der riesigen Festung rumzulaufen, so dass Bioware sogar Schnellreisepunkte innerhalb der Festung platzieren musste, ist meines Erachtens viel zu übertrieben.

Grafik und Sound

Gott sei Dank, diesmal keine recycelten Spielwelten wie in Dragon Age II. Die Gebiete sind trotz ihrer Größe wirklich sehr schön und abwechslungsreich gestaltet. Die Flora und Fauna sind wirklich atemberaubend. So pirschen nicht nur Feinde durch die Gebiete, sondern auch mehr oder weniger realitätsnahe Tiere. Wetterumschwünge machen sich sichtbar, Regen prasselt von der Rüstung ab, gefrorenes Eis knirscht unter dem Gewicht der Charaktere, Blutspritzer bleiben im Gesicht und am Körper sichtbar zurück, das Waten durch tiefen Schnee hinterlässt Abdrücke, Wellen schäumen an die Küste, Gräser bewegen sich sanft im Wind,… die Liste der schönen Eindrücke in der Spielwelt lässt sich endlos weiterführen.

Einzig das Gesicht des Inquisitors enttäuscht etwas. Ein selbst zusammengebastelter Inquisitor wirkt leider etwas künstlich und fällt im Vergleich zu den von Bioware erstellten Gefährten negativ auf. Aber das Problem kennen wir auch schon aus Mass Effect 3. Die vorgefertigten Helden sehen visuell immer besser aus als der eigens zusammengestellte Held.

Diesen kleinen Schönheitsfehler kann man angesichts der tollen Zwischensequenzen leicht übersehen. Die Haupthandlung wird in actionreichen Szenen spektakulär rübergebracht, ähnlich wie ein Film, in dem man ab und zu eingreifen kann und eine Dialogoption wählen darf.

Auch die englischen Synchronsprecher wissen wieder zu überzeugen: die weibliche britische Stimme besetzt niemand anders als Alix Wilton Regan, die schon in der Mass Effect-Reihe Miss Traynor ihre Stimme borgte. Aber auch der männliche Gegenpart steht ihr mit Harry Hadden-Paton in nichts nach. Da es, warum auch immer, bei Bioware Tradition ist, den Fokus auf die britischen Stimmen zu legen, sind die amerikanischen Stimmen leider etwas ins Abseits geraten. Altvertraute Charaktere wie Varric oder Alistair haben, Gott sei Dank, noch dieselben Stimmen wie in den Vorgängern.

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Fazit

Dragon Age: Inquisition hat eine nett gemachte, einigermaßen gut umgesetzte Story und Charaktere, aber von „episch“ ist nicht viel zu sehen. Diesem „wir müssen Verbündete für den Krieg suchen“-Schema hat sich Bioware leider schon viel zu häufig bedient, als das es jetzt noch immer interessant wirken könnte (siehe Dragon Age: Origins oder Mass Effect 3). Die Story ist jedenfalls besser als in Dragon Age II, kommt aber nicht an den ersten Dragon Age-Titel heran. Nicht die Grafik macht ein tolles Spiel aus, sondern die liebevoll gestalteten Charaktere, die tiefgründige, spannende Story und das gewisse Etwas, das Geheimnisvolle, Mysteriöse, das einen in seinen Bann zieht und stets zum Weiterspielen animiert. Und genau das fehlt dem neuesten Teil.

Nichtsdestotrotz hat es seit Skyrim kein so gutes Rollenspiel wie Dragon Age: Inquisition mehr gegeben, also sollten RPG-Freunde allein schon aus Mangel an Alternativen zugreifen. Der Wiederspielwert ist auch hoch, damit sollte es euch gut durch die Wintermonate bringen – zumindest bis dann The Witcher 3 erscheint

(c) M4RKM4N

84 Wertung
Gameplay: 8/10
Grafik: 9/10
Sound: 9/10
Steuerung: 8/10

große Spielwelt | tolle Grafik | schöne Musikuntermalung | filmreife Zwischensequenzen | unterhaltsame Gefährten | viel Sammelbares

ausgelutschte Story | nervige Nebenmissionen | kein einziger Heilzauber | lange Ladezeiten


DEINE SPIELBEWERTUNG


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